Nippes erinnert: Vom kolonialen Schatten zur Zukunft der Erinnerung
In Nippes, einem Stadtteil von Köln, schlägt das Herz der kollektiven Erinnerung. Hier wird ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen, das nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Die Bezirksvertretung hat mit großer Mehrheit beschlossen, die Gustav-Nachtigal-Straße in Manga-Bell-Straße umzubenennen. Ein Schritt, der viele in der Stadt bewegt und in den kommenden Monaten für Gesprächsstoff sorgen wird.
Die Umbenennung ist nur der erste Teil eines größeren Vorhabens. Inmitten des Afrikaveedels wird ein Denkmal errichtet, das an das kamerunische Königspaar Rudolf Duala Manga Bell und Adolf Ngoso Din erinnert. Diese beiden Männer waren bis zu ihrer Hinrichtung im Jahr 1914 inhaftiert, weil sie sich gegen die Enteignung ihres Volkes durch die deutsche Reichsregierung auflehnten. Die Stele, die bis zu 1,80 Meter hoch sein soll, wird auf einem zentralen Platz zwischen der Manga-Bell-Straße, der Namibiastraße, der Tangastraße und der Usambarastraße aufgestellt.
Ein Denkmal mit Geschichte
Die Geschichte von Rudolf Manga Bell ist überaus bewegend. Geboren 1873 im Raum Duala, war er der älteste Sohn von König Manga Ndumb’a und Enkel des Königs King Bell. Letzterer hatte den umstrittenen „Schutzvertrag“ mit Deutschland unterzeichnet. Die Familie war wohlhabend, ihre wirtschaftliche Macht beruhte auf Sklavenhandel und Plantagen, die von Sklaven oder sklavenähnlich gehaltenen Arbeitern bewirtschaftet wurden. Aber als die koloniale Herrschaft immer repressiver wurde, änderte sich das Bild.
Rudolf, der evangelisch-lutherisch getauft wurde, besuchte eine deutsche Regierungsschule in Kamerun und lebte einige Jahre als Pflegekind in Deutschland. Dort lernte er Deutsch und machte 1896 das Abitur. Seine Rückkehr nach Kamerun brachte ihn jedoch in Kontakt mit den dunklen Seiten der Kolonialgeschichte. 1905 verfassten er und andere kamerunische Stammesoberhäupter einen offenen Brief an den deutschen Reichstag, in dem sie sich über die unmenschlichen Bedingungen und die Enteignungen beschwerten.
Ein Zeichen der Erinnerung
Die Bezirksvertretung Nippes hat sich entschieden – und das gegen die Stimmen der AfD-Fraktion. Der „Initiativkreis Gedenkort Afrikaviertel“ wird mit der Umsetzung des Denkmals beauftragt, das pünktlich zur Straßenumbenennung im September fertiggestellt werden soll. Vize-Bezirksbürgermeister Henning Meier (SPD) hat die Idee eingebracht, das Amt für Integration und Vielfalt in das Projekt einzubinden. Gerhardt Haag, ein Mitglied des Initiativkreises, berichtet bereits von Fortschritten bei der Vergabe des Auftrags an einen Künstler.
Das Denkmal wird nicht nur ein Ort des Gedenkens sein, sondern auch eine Einladung zur Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit. Und das ist mehr als notwendig, denn die deutsche Kolonialgeschichte in Kamerun ist bis heute ein Thema, das oft unter den Teppich gekehrt wird. Kamerun war von 1884 bis 1916 ein deutsches „Schutzgebiet“. Die deutschen Kolonialakten, die im Nationalarchiv von Kamerun aufbewahrt werden, umfassen rund 2.400 Bände und sind ein wertvolles Zeugnis dieser Zeit.
Ein Blick in die Zukunft
Das Bundesarchiv arbeitet mit dem Goethe-Institut Kamerun an der Digitalisierung dieser Akten. Ein wichtiger Schritt, um die Geschichte für zukünftige Generationen zugänglich zu machen. Die Herausforderungen sind groß – personelle Diskontinuitäten, knappe Haushaltsmittel und sprachliche Barrieren erschweren die Arbeit. Dennoch ist das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit gewachsen, was durch Veranstaltungen, wie die szenische Lesung „Hummer im Dschungel von Kamerun“,, unterstrichen wird.
Mit der Errichtung des Denkmals in Nippes wird ein Zeichen gesetzt – ein Zeichen, das die Stimmen der Vergangenheit hörbar macht und den Weg für eine reflektierte Zukunft ebnet. Die Erinnerung ist nicht nur ein Blick zurück, sondern auch eine Aufforderung, die gegenwärtigen Verhältnisse zu hinterfragen und für eine gerechtere Zukunft zu kämpfen.
