In Köln, genauer gesagt in Mülheim, wird die Notwendigkeit eines funktionierenden Hilfesystems immer drängender. Oliver Tibussek, Geschäftsführer des Zentrums für Frühbehandlung und Frühförderung, warnt vor einer Überlastung der sozialen Hilfesysteme. Kitas, die eigentlich als erste Anlaufstelle für viele Familien dienen sollten, stehen oft vor unüberwindbaren Herausforderungen. Das Bild der letzten zwei Jahrzehnte hat sich gewandelt: Früher waren es vor allem Kinder mit klassischen Behinderungen, die Unterstützung benötigten. Heute sind es vermehrt Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, psychischen Belastungen und sozialen Auffälligkeiten.

Im Stadtteil Mülheim werden derzeit 236 Kinder von Fachkräften gefördert, was nur ein kleiner Teil der über 1300 Kinder ist, die in ganz Köln Hilfe benötigen. Die Wartelisten für Hilfsangebote sind lang. Kitas kämpfen mit dem Inklusionsanspruch und können diesen oft nicht erfüllen. Auch die Jugendämter sind überlastet, und die freien Träger, die dringend Unterstützung leisten wollen, erhalten nicht genug Mittel, um den steigenden Bedarf zu decken. Das Kölner Therapiezentrum beispielsweise unterstützt 700 Familien, hat aber nur finanzielle Mittel für 590 zur Verfügung.

Ein Bild der Ungleichheit

Die Situation ist besorgniserregend. Die Zahlen der Schulabsentismus und die Wiederholungen von Klassen steigen. Viele Familien wissen oft nicht, wie sie die verschiedenen Hilfsangebote wie Bürgergeld oder Kinderzuschläge beantragen sollen. Besonders in Mülheim und Kalk, wo viele Menschen ohne Sprachkenntnisse leben, wird diese Unsicherheit verstärkt. Hier sind die Herausforderungen nicht nur sozialer, sondern auch kommunikativer Natur. Trotz der Vielzahl an Programmen – 370 zur Bekämpfung von Ungleichheiten im nationalen Bildungsbericht und 120 kommunale Angebote in Mülheim – sind viele der Hilfsangebote den betroffenen Familien schlichtweg unbekannt.

Ein Lichtblick könnte das Modellprojekt „Chancennavigator“ sein, das Eltern mithilfe von Künstlicher Intelligenz durch das Dickicht der Angebote zur Betreuung und Förderung begleiten soll. Doch auch die Wohnungssituation in Köln stellt ein großes Hindernis dar. Tibussek fordert daher nicht nur kurzfristige Lösungen, sondern strukturelle Veränderungen, die mehr Prävention und Teilhabe ermöglichen.

Der Einfluss des sozioökonomischen Status

Ein weiteres spannendes, wenn auch beunruhigendes Thema ist die soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Laut einer Dissertation von Franziska Reiß aus dem Jahr 2020 zeigt sich, dass Kinder mit einem niedrigen sozioökonomischen Status (SES) zwei- bis dreimal häufiger von psychischen Auffälligkeiten betroffen sind als ihre Altersgenossen aus besser situierten Familien. Höher gebildete Eltern korrelieren mit weniger psychischen Problemen in belastenden Lebenssituationen. Die Inanspruchnahme von psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung ist dabei signifikant mit der Symptomlast verbunden, nicht jedoch mit den SES-Indikatoren.

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Die Notwendigkeit von Prävention und Gesundheitsförderung auf individueller sowie gesellschaftlicher Ebene wird immer deutlicher. Der frühe Beginn dieser Maßnahmen, beispielsweise in Kitas, könnte entscheidend sein. Interventionen zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen müssen mit strukturellen Veränderungen verbunden sein, um die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft zu reduzieren. Ein zukunftsweisender Ansatz, den es zu verfolgen gilt.