Hoffnungslosigkeit in Meschenich: Wenn Kinderärzte zur Mangelware werden
In Meschenich, einem der ärmsten Stadtteile Kölns, ist die Situation für viele Eltern und ihre Kinder alles andere als rosig. Hier wird ein ehemaliger Büroraum der Thomaskirche nun als private Arztpraxis genutzt. Ein Ort, der für viele in der Nachbarschaft ein wenig Hoffnung verspricht, denn seit zwei Jahren ist die Kinderarztpraxis, die Ursula Kleine-Diepenbruck 2015 eröffnete, geschlossen. Ja, die Praxis lief gut – bis sie 2021 an die Kette Fairdoctors verkauft wurde, die sie nach nur zweieinhalb Jahren dichtmachte. Und seitdem? Fehlanzeige! Ein neuer Eigentümer für die Praxis hat sich nicht gefunden, und die Anbindung an das Gesundheitssystem gestaltet sich für die Bewohner als äußerst herausfordernd.
Ursula Kleine-Diepenbruck hat in den letzten Jahren immer wieder betont, wie besorgniserregend die Situation ist. Viele Eltern trauen sich nicht mehr, mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen. Ein Blick auf die Zahlen: Rund die Hälfte der Grundschulkinder in Meschenich benötigt Ergotherapie, viele kämpfen mit Karies und Übergewicht. Die gesundheitlichen Herausforderungen sind enorm. So gibt es das Beispiel eines 14-jährigen Mädchens, das mit Sehen und Hören Schwierigkeiten hat, aber keinen Arzt aufsuchen kann. Wie frustrierend muss das sein!
Ein Blick auf die Hausarztpraxis
Michael Kliem, der seit 1998 eine Hausarztpraxis am Kölnberg betreibt, sieht sich ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Viele Kinder aus der geschlossenen Praxis von Kleine-Diepenbruck sind nun bei ihm in Behandlung. Die Patientenstruktur hat sich über die Jahre verändert, und der Anteil der gesetzlich versicherten Patienten ist gestiegen. Was aber auffällt: Es gibt einen Anstieg von Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen und Depressionen. Rita Köpke, die Arzthelferin, beschreibt die Arbeit am Kölnberg als herausfordernd und vielfältig. Und das, obwohl die Praxisinhaber alle über 60 Jahre alt sind und kein Nachfolger in Sicht ist. Ein besorgniserregender Zustand.
Doch wie sieht es mit der finanziellen Grundlage aus? Kleine-Diepenbruck plant, ihre private Praxis im Sommer wieder zu schließen. Die Nachfrage bleibt gering und die Sprechstunde lässt sich nicht finanzieren. Ein Teufelskreis!
Kinderarmut in Deutschland
Die Lage in Meschenich ist nicht nur ein lokales Problem, sondern spiegelt einen größeren Trend in Deutschland wider. Laut dem Armutsbericht 2024 des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands liegt die Kinderarmutsquote auf einem Höchststand von 21,8 Prozent. Jedes fünfte Kind ist betroffen von Armut. Die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit sind alarmierend. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung, gesunder Ernährung und Bildung. Langfristig führt das zu physischen und psychischen Entwicklungsstörungen. Kinderärzt:innen und Allgemeinmediziner:innen schlagen Alarm: Adipositas, motorische Defizite und psychische Auffälligkeiten nehmen zu.
Die Ärztekammer Berlin fordert, entschlossen gegen die Kinderarmut vorzugehen. Es wird eine stärkere finanzielle Unterstützung für Kinder und Familien gefordert, sowie Maßnahmen zur Bildung und Teilhabe. Die flächendeckende pädiatrische Versorgung muss sichergestellt werden – sonst wird es für viele Kinder in Stadtteilen wie Meschenich immer schwerer, die nötige medizinische Versorgung zu erhalten.
