Zeit der Monster: Kölner Identität im Schatten der Krisen
Heute ist der 22.07.2026, und in Köln-Kalk tut sich etwas Aufregendes. Die Autorin Şeyda Kurt, geboren 1992, hat mit ihrem ersten Roman „Zeit der Monster“ einen eindrucksvollen Beitrag zur Literaturszene geleistet. Nach den erfolgreichen Sachbüchern „Radikale Zärtlichkeit“ und „Hass“ hat sie nun eine fesselnde Geschichte über soziale Probleme und Identität veröffentlicht. Man darf gespannt sein, denn der Roman ist mehr als nur eine Erzählung – er ist eine Gegenerzählung zu den gängigen Genrezuschreibungen migrantischer Autorinnen.
Der Titel des Buches, „Zeit der Monster“, ist eine Anspielung auf Antonio Gramsci, der die Krisen seiner Zeit so nannte. In der Geschichte geht es um Shamiram, eine Mutter und Fitnessstudio-Besitzerin, die verzweifelt Briefe an die deutsche Kanzlerin schreibt, um auf die Missstände in ihrem Viertel aufmerksam zu machen. Sie lebt mit ihrer Familie in der fiktiven Sieversstraße 20, die uns an die realen Straßen von Kalk erinnert – ein Ort, der, wie wir wissen, mit vielen Herausforderungen zu kämpfen hat.
Ein Blick in die Geschichte
Das Herzstück des Romans ist die Protagonistin Nabu, die eines Tages spurlos verschwindet, nach einem Streit mit ihrer Familie. Ihr Verschwinden ist nicht nur ein persönliches Drama, sondern spiegelt auch die gesellschaftlichen Konflikte wider, die in Kalk präsent sind. Die Chemische Fabrik Kalk, die seit 1993 geschlossen ist, wird ebenfalls thematisiert und steht symbolisch für die verlorenen Möglichkeiten und die schleichende Verödung des Viertels. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Nachbarn über die alten Fabrikgebäude sprechen – als wären sie Zeugen einer längst vergangenen Epoche.
Ein zentrales Ereignis im Buch ist die Ermordung eines Jugendlichen im Jahr 2008, die das Viertel erschütterte. Diese grausame Realität wird zum Ausgangspunkt für die Reflexion über die eigene Identität und Heimat. Die Suche nach Antworten zieht sich durch die gesamte Geschichte und lässt uns nicht los. Die Leser*innen müssen sich auf eine anspruchsvolle Reise einlassen – schwer lesbar, ja, aber absolut lesenswert!
Ein Roman für die Gegenwart
„Zeit der Monster“ hat mit 288 Seiten einen Preis von 23 Euro. Es ist spannend zu sehen, wie Kurt die Vorstellungen von Heimat in Frage stellt. Was bedeutet Heimat in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass ihre Wurzeln abgerissen werden? Die Fragen, die der Roman aufwirft, sind aktueller denn je. Şeyda Kurt gelingt es, ein Bild von Köln zu zeichnen, das sowohl die Schönheit als auch die Herausforderungen unserer Stadt einfängt.
Wie viele von uns haben schon einmal über die eigene Herkunft, die eigene Identität nachgedacht? In einer Stadt wie Köln, die von Vielfalt und Gegensätzen geprägt ist, ist das Thema Heimat besonders relevant. Das Buch lädt dazu ein, über den Tellerrand hinauszuschauen, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und sich in die Gedankenwelt der Protagonistinnen hineinzuversetzen. Vielleicht ist das genau das, was wir heute brauchen – Geschichten, die uns anregen, die uns berühren und die uns zum Nachdenken bringen.
