Obdachlosigkeit in Köln: Ein Stadtbild zwischen Alltag und Alarmstufe Rot
In der Kölner Innenstadt zeigt sich ein Bild, das zum Nachdenken anregt. Immer mehr Obdachlose finden sich in den Eingangsbereichen leerstehender oder geschlossener Geschäfte ein, um dort die Nacht zu verbringen. Besonders betroffen sind die Hohe Straße und die Schildergasse. Hier schlafen, essen und telefonieren die Menschen – oft mit dem Handy in der Hand, während sie Videos schauen. Man könnte fast meinen, das sei ein ganz normaler Teil des Stadtlebens, doch die Realität sieht anders aus. Offiziell sind in Köln etwa 11.740 Menschen ohne Wohnung, darunter rund 3.146 minderjährige Wohnungslose und etwa 400 akut Obdachlose. Umso alarmierender ist die aktuelle Situation.
Händler in der Stadt stehen dem Ganzen besorgt gegenüber. Besonders in den zentralen Einkaufsstraßen wird die Problematik immer offensichtlicher. Vor einem Schuhgeschäft auf der Schildergasse sind Übernachtungen im Eingangsbereich längst zur Alltagsszene geworden. Filialleiter Oliver Jahn schildert, dass der Schmutz und Müll das Sicherheitsgefühl der Kunden beeinträchtigen. Das Ordnungsamt kontrolliert zwar regelmäßig die Innenstadt in der Nacht, konzentriert sich jedoch auf öffentliche Flächen. Private Bereiche wie vor den Geschäften liegen in der Verantwortung der Eigentümer. Das wirft Fragen auf: Was kann getan werden, um diese Situation zu verbessern?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Die Situation hat sich 2024 weiter verschärft. Mit 438 obdachlosen Menschen erreicht Köln einen Rekordwert. Nur Dortmund hat mit 497 obdachlosen Personen eine höhere Zahl. Laut dem NRW-Sozialministerium gilt Köln als „Hotspot“ der Wohnungslosigkeit. Landesweit sind es über 122.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen, die ohne eigene Wohnung leben – ein Anstieg von 12,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die höchste Zahl seit Beginn der Erhebung im Jahr 2011. Am meisten besorgniserregend ist, dass nur etwa 1 Prozent der Wohnungslosen wirklich auf der Straße leben; der große Rest ist in Unterkünften oder bei Bekannten untergebracht.
Ein erheblicher Teil des Anstiegs ist auf die Unterbringung von Geflüchteten zurückzuführen. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2021 ist die Zahl der wohnungslosen Menschen in Nordrhein-Westfalen stark gestiegen. Rund 70 Prozent der Wohnungslosen sind anerkannte Geflüchtete, die in kommunalen oder zentralen Landesunterkünften untergebracht sind. Die Sozialsysteme in Köln sind durch die Aufnahme und Versorgung dieser Menschen stark gefordert.
Mehr Unterstützung gefordert
Julie Cazier, ehrenamtliche Bezirksbürgermeisterin, hat klare Vorstellungen: Eine Verdrängung von Obdachlosen sei nicht die Lösung. Vielmehr fordert sie mehr Unterstützung und soziale Betreuung. Cazier sieht die Notwendigkeit zusätzlicher Streetworker und Hilfsangebote, stellt aber die Frage, ob ausreichend finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stehen. Die Stadt Köln ist auf der Suche nach Lösungen, die den Interessen von Handel, Anwohnern und Betroffenen gerecht werden – ein Balanceakt, der nicht einfach zu meistern ist.
Was viele nicht wissen: Wohnungslosigkeit wird rechtlich als das Fehlen von Miet- oder Pachtverträgen definiert. Das Statistische Bundesamt erfasst alle Betroffenen, die am Stichtag Räume zu Wohnzwecken oder Übernachtungsgelegenheiten haben, ohne diese Verträge. Auch Personen in stationären Einrichtungen oder im „Betreuten Wohnen“ der Wohnungslosenhilfe zählen dazu. Die Herausforderungen sind groß, und die Maßnahmen zur Bekämpfung der Wohnungslosigkeit müssen schnell und effektiv umgesetzt werden.
