gefährdet leben: Queere Geschichte im Nationalsozialismus ans Licht bringen
In der St.-Johannes-Kirche in Köln-Deutz hat die Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933 – 1945“ ihre Türen geöffnet und wird bis zum 16. August zu sehen sein. Diese Ausstellung nimmt uns mit auf eine eindringliche Reise in die Geschichte der LGBTIQ-Community während des Nationalsozialismus. Sie ist ein wichtiger Schritt, um das Leid und die Verfolgung queerer Menschen in dieser dunklen Zeit aufzuzeigen und gleichzeitig das selbstbestimmte Leben zu thematisieren, das viele von ihnen führen wollten – trotz der widrigen Umstände.
Besonders spannend ist, dass diese Ausstellung im Kontext des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus entstanden ist. Am 27. Januar 2023 wurde sie im Deutschen Bundestag eröffnet, wo erstmals queere Opfer im Fokus standen. Dr. Insa Eschebach, die Kuratorin, betont die strengen Geschlechterrollen, die im NS-Staat vorherrschten, und die damit verbundenen Herausforderungen für geschlechtsnonkonforme Menschen. Die Ausstellung selbst ist in fünf Themeninseln gegliedert, die verschiedene Aspekte der queeren Geschichte beleuchten – von der Zerschlagung der queeren Infrastruktur bis zur Lebensrealität nach 1945.
Ein Blick auf die Themeninseln
Die erste Themeninsel zeigt die Zerstörung der queeren Infrastruktur, die bereits zu Beginn der NS-Diktatur stattfand. In der Weimarer Republik gab es eine blühende queere Szene mit einem regen Nachtleben und Organisationen wie dem Bund für Menschenrecht. Doch ab 1933 wurde diese Vielfalt systematisch ausgelöscht. Die Schließungen von Lokalen, die Einstellung von Zeitschriften und die Selbstauflösung von Vereinen waren nur einige der Maßnahmen. Besonders tragisch ist die Geschichte von Käte Rogalli, die sich als „Transvestit“ und „Masochist“ bezeichnete. Ihr „Transvestitenschein“ wurde 1936 von der Gestapo abgenommen, und 1943 nahm sie sich das Leben.
Die Themeninsel zur Ausgrenzung und Entgrenzung beschreibt die gesellschaftliche Ächtung queerer Menschen, die im NS-Regime nicht nur von der Polizei, sondern auch von ihren Mitmenschen verfolgt wurden. Hier wird auch die Willkür und der Terror deutlich, denen viele ausgesetzt waren. Einige lebten unauffällig und entgingen somit der Verfolgung, doch alle waren durch Denunziationen potenziell gefährdet. Die Ausstellung zeigt, dass das Leben in dieser Zeit oft eine ständige Gratwanderung war.
Eröffnung mit besonderen Gästen
Die offizielle Eröffnung der Ausstellung findet am 9. Juli um 18:30 Uhr statt, und es wird eine spannende Runde von Rednerinnen geben. Pfarrer Tim Lahr von der Queeren Kirche Köln und die Kölner Bürgermeisterin Derya Karadag werden ihre Perspektiven teilen, während Helmut Metzner von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein Grußwort zur Einführung in die Ausstellung halten wird. Diese Stimmen sind entscheidend, um das Bewusstsein für die queere Geschichte zu schärfen und die Bedeutung von Erinnerungsarbeit zu unterstreichen.
Die Ausstellung ist nicht nur vor Ort in Köln zu erleben; sie wird auch online im 360°-Modus verfügbar sein. Für alle, die nicht nach Deutz kommen können oder wollen, ist das eine tolle Gelegenheit, sich dennoch mit diesen wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Und nach Köln wird die Ausstellung auch in Berlin-Mitte vom 23. bis 28. Januar 2024 touren – ein weiteres Zeichen, dass die queere Geschichte einen Platz im öffentlichen Gedächtnis einnehmen sollte.
Ein Blick in die Zukunft
Die Ausstellung „gefährdet leben“ ist mehr als nur eine Rückschau auf die Vergangenheit. Sie ist ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und zur Reflexion darüber, wie weit wir gekommen sind – und wie viel noch zu tun bleibt. Die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt hat in Deutschland seit den 2000er Jahren zugenommen, doch queere Aspekte bleiben in der Geschichtsschreibung häufig unberücksichtigt. Der Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt war und ist auch heute noch ein heißes Eisen.
Es ist wichtig, die Lebenswelten queerer Menschen und deren Handlungsräume im NS-Regime zu beleuchten. Die Ausstellung zeigt, dass trotz aller Verfolgung und Diskriminierung, die queere Community immer wieder Wege fand, sich selbst zu behaupten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind die 130 Exponate, die von 80 Leihgeber*innen stammen und die Vielfalt der queeren Geschichte illustrieren. Die Geschichten der Überlebenden, wie etwa die von Kurt Büssow, zeigen, wie lange die Folgen dieser Verfolgung nachwirkten und wie viel Mut es brauchte, um sich wieder eine Stimme zu erkämpfen.
In diesem Sinn ist die Ausstellung nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch ein Ort der Reflexion und des Dialogs. Das ist es, was diese Wanderausstellung so wertvoll macht – und warum es sich lohnt, sie zu besuchen, ob vor Ort oder online. In einer Welt, in der Vielfalt gefeiert werden sollte, ist das Gedenken an die queere Geschichte eine wichtige Voraussetzung für eine inklusive Zukunft.
